Was machen eigentlich ‚Maker‘? Ein Ortstermin

‚Maker‘ sind Anhänger einer Subkulturbewegung mit Wurzeln in den USA, die Dinge in einer durchindustrialisierten Welt wieder selbst herstellt, baut, umbaut. Sie pflegen eine technikaffine Do-It-Yourself-Kultur, die bestimmte Züge der Hacker-Kultur trägt – und diese aus dem IT-Space in die dingliche Welt überträgt.[1] Wer sich nicht in der Szene bewegt, hat oft bestenfalls davon gehört. Im Rahmen des future_bizz Think Tanks „Die Maker-Szene kennen und verstehen lernen“ am 18. Juli 2018 haben wir mit Mitgliedern und Gästen aus unserem Cross-Industry-Netzwerk den Makerspace TATCRAFT in Frankfurt am Main besucht. Das im Anschluss an die Veranstaltung geführte Interview mit Fabian Winopal und Tim Fleischer, beide Geschäftsführer von TATCRAFT, bietet interessante Einblicke in eine für Industrievertreter exotische Kultur.

future_bizz: Fabian, Tim, wie ihr sicher gemerkt habt, waren viele unserer Netzwerkmitglieder heute überrascht von den potenziellen Möglichkeiten eures Makerzentrums. Überrascht euch das?

Fabian Winopal: Nun, wir haben schon Berührungspunkte mit der Industrie – mal unterstützen sie uns mit Maschinen und Mitteln, mal wir sie bei der Entwicklung neuer Produkt- und Geschäftsideen. Wir machen oft die Erfahrung, dass Industrieunternehmen totale Exoten erwarten – nur um dann herauszufinden, dass wir zwar auf der einen Seite der Maker-Szene verpflichtet sind, auf der anderen Seite aber auch etwas in den Markt tragen wollen. Wir sind an Produkten interessiert.

Tim Fleischer: Damit übernehmen wir sicher eine Art Brückenfunktion. Wir verstehen uns schon als Teil einer Bewegung, die nach der „Demokratisierung von Produktionsmitteln“ strebt. Collaboration, Participation und soziales Engagement spielen eine wichtige Rolle. Aber wir wollen uns auch für kommerzielle Ziele und ein gewisses Wettbewerbsprinzip offen halten – und uns in diese Richtung weiterentwickeln.

future_bizz: Eckt ihr mit eurem „hybriden“ Konzept in der Szene an?

Tim: Das bleibt nicht aus. In der „Nation of Makers“ fühlen sich nicht wenige der FabLab Charta verpflichtet, die kommerzielle Zielsetzungen ausschließt. Aber, auch wenn es hier und da eine spürbare Skepsis gegen uns und unsere Markt-Affinität in der Szene gibt, so können wir Zweifler doch oft überzeugen. Wir polarisieren, aber verschaffen uns auch Respekt, mit dem was wir auch für die Maker auf die Beine stellen. Hier ist es möglich, auf über 1.500 Quadratmetern die eigene Kreativität ausleben und innovative Ideen auf Maschinen für insgesamt fast 2 Millionen Euro Dinge zu verwirklichen. Teils wird der Betrieb, wie in einem Fitnessstudio, durch Mitgliedsbeiträge finanziert. Das reicht aber nicht für den die Finanzierung des ganzen Betriebs, geschweige denn für neue, innovative Maschinen und Technologien, die hier zum Einsatz kommen. In der Partnerschaft mit Firmen sind viele Modelle möglich. So bieten wir zum Beispiel freien Zugang für Mitarbeiter gegen Unterstützung. Da ergeben sich ungeahnte Synergien.

future_bizz: Wie kommt ihr an innovative Maschinen und Technologien?

Tim: Die Anregungen holen wir uns auf Messen, aber auch aus der Community von Industriepartnern, Künstlern, Bastlern, unterstützenden Unternehmen und Start-ups. Manche Maschinen werden von Herstellern zum Test gegen eine kleine Gebühr ausgeliehen, manche sind finanziert. Die Maschinenhersteller können bei uns die Grenzen dessen ausloten, was ihre Maschinen wirklich können. Besonders Künstler haben sehr anspruchsvolle Aufgaben, die eher von der kreativen Vorstellungskraft als vom Machbaren vorgegeben werden. Die Machbarkeit wird dann einfach ausprobiert. Wenn wir sagen, dass neue Maschinen „in den Künstlertest“ gehen, dann wollen wir wirklich wissen, was die Technik im Grenzbereich kann. Von dem hieraus gewonnenen Wissen profitieren dann sowohl die Maschinenbauer als auch wir. Eine klassische Win-Win-Situation.

future_bizz: Apropos Win-Win. Welche Möglichkeiten weiteren Möglichkeiten eröffnen sich Industriebetrieben in der Zusammenarbeit mit euch?

Fabian: Firmen mit Ideen in der frühen Innovationsphase können diese bei uns bis zum fertigen Prototyp weiterentwickeln. Die Mitarbeiter von Industriebetrieben kommen zu uns und können hier, in einem neutralen Raum, außerhalb der gewohnten Umgebungen und Prozesse, an ihrem Projekt arbeiten. Außerdem haben sie viele Möglichkeiten, sich Anregungen aus der Community zu holen, sich von hier arbeitenden Gründern inspirieren zu lassen. Unsere Gemeinschaft umfasst Handwerker, Künstler, Start-ups aus allen Bereichen der Pre Seed- und Seed-Phase, Schrauber und Bastler, Messebauer. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Ergebnisse in der Kollaboration einfach besser werden. Das heißt nicht, dass jeder Prozess „Open Source“ sein muss. Wenn es gewünscht ist, können wir Firmen auch über separate Bereiche und Verträge vor Ideenklau schützen. Allerdings muss man sich immer vor Augen halten, dass eine innovative Idee nur 5 % des Geschäfts ausmacht. Ohne das operative Know-how lassen sich Geschäftsideen nicht so einfach „klauen“.

future_bizz: Open Source ist also kein Muss bei euch?

Tim: Auf keinen Fall. Nicht nur etablierte Unternehmen, sondern auch viele Start-ups streben eine Patentierung an. Die Abgrenzung von Open Source ist vom Geschäftsmodell der Unternehmen sowie vom Projekt oder Produkt abhängig. Das gilt auch für Start-ups, die wir selbst entwickeln. Manche Ideen werden im geschützten Raum entwickelt, manche nicht. Wenn wir „Offenheit“ sagen, dann bedeutet dies auch eine Einstellung, eine offene Haltung gegenüber neuen Lösungen und Ansätzen, aber auch gegenüber dem Prinzip des Scheiterns. Von dieser Offenheit können Mitarbeiter aus Industrieunternehmen partizipieren und sich auch inspirieren lassen.

future_bizz: Was sind eure weiteren Ziele? In welche Richtung wollt ihr euch in Zukunft entwickeln?

Fabian: Als Unternehmen wollen wir in die Breite wachsen und dabei auch unser technologisches Know-how erweitern. Das Kettengeschäft streben wir nicht an, da so immer viel vom ursprünglichen Spirit eines Unternehmens verloren geht. Und diesen Maker-Geist, den wollen wir unbedingt behalten. Der Zugang zu und die Inspiration aus der Maker-Community ist für uns lebenswichtig. Mit „in die Breite wachsen“ meinen wir nicht nur die Erweiterung unserer geschäftlichen Basis, sondern auch die Erschließung neuer Themenbereiche wie die Robotik. In der Verbindung von Handwerk und Hightech liegen ungeahnte Potenziale – für uns und die Industrie, die mit uns ihr Prototyping auf eine agile Basis außerhalb der laufenden Prozesse und Strukturen stellen können.

future_bizz: Fabian, Tim, vielen Dank für das Gespräch.

Fabian & Tim: Es war toll, dass Ihr bei uns wart, es hat Spaß gemacht mit euch den Tag zu verbringen. Auch wir haben gute Einblicke gewonnen.

Anmerkungen:

[1] Siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Maker

Impressionen aus dem Tatcraft Makerzentrum.

Mehr Info unter: https://www.tatcraft-werkstatt.de/