THE DAYS AFTER TOMORROW – WAS TUN, WENN ZUKUNFTSZENARIEN ERNST MACHEN?

Vor ziemlich genau zehn Jahren haben wir im Netzwerk future_bizz die Szenariostudie „Future Living“ zu Leben und Wohnen der Menschen in Europa im Jahr 2030 erstellt. Es wurden Veränderungen deutlich, die wir so nicht erwartet hatten und die uns recht erschreckt haben. Heute – zehn Jahre später – zeigt sich leider, dass die gefundenen Ergebnisse die Entwicklung recht gut prognostiziert haben. Wie sollen wir damit umgehen?

Von Dr. Friedhelm Böttcher, Böttcher Consulting und Michael Riedemann, Compete GmbH

Sicher, die Begriffe von damals passen nicht mehr ganz exakt, aber die Ergebnisse der Studie haben die tatsächlichen Entwicklungen im Kern treffend vorhergesehen. In der, ursprünglich als reine Aktualisierung vorhergehender Untersuchungen geplanten Arbeit, wurde uns damals schon sehr schnell klar, dass wir es mit größeren, weitreichenderen Veränderungen zu tun hatten und ein einfaches Update nicht reicht.

Aber wie schon in der Vorgängerstudie zeigte sich: Die Entwicklung verlief in vielen Bereichen deutlich schneller, als vom Projektteam erwartet wurde.

Fünf identifizierte Treiber der Entwicklungen …

Aus der Szenarioberechnung kristallisierten sich aus den insgesamt mehr als 40 berücksichtigen Einflussgrößen fünf Treiber heraus, die die Grundstruktur der Szenarien determinierten:

  • Veränderung der Umwelt, ausgelöst durch den Klimawandel und weitere Eingriffe des Menschen in die uns umgebende Welt
  • Ressourcenmangel, ausgelöst durch das weltweite Bevölkerungswachstum
  • Effekte der Globalisierung, in die – über den Welt umspannenden Warenaustausch hinaus – stärker noch die Fragen von nach Partizipation und Verteilung von Macht einbezogen werden müssen
  • Veränderung der Arbeitswelt durch die Folgen der Digitalisierung und den technologischen Wandel insgesamt
  • Zunehmende Komplexität der Welt, die es in der Verbindung mit der immer schnelleren Dynamik der Entwicklung erschwert, Veränderungen zu erkennen, zu verstehen, Entscheidungen zu treffen und steuernd einzugreifen.

… fünf Szenarien

Als Ergebnis der Analyse wurden fünf Szenarien gefunden mit sehr unterschiedlichen Entwicklungspfaden:

Szenario 1: Energy – Vernetzte Wohlstandsgesellschaft.

In diesem Bild wurde in der Breite erkannt, dass die großen Herausforderungen nur durch Kooperation als zentraler Wert bewältigt werden können. Dabei wurden individuelle und nationale Egoismen überwunden, Verantwortung und übergreifend ein zielgerichtetes und nachhaltiges Zusammenspiel von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft realisiert. Die interkulturelle Vernetzung von global ausgerichteten Bürgern und die enge Kooperation sich gegenseitig stützender, wenn auch unterschiedlicher politischer Systeme generierte eine hohe Problemlösungskompetenz. Der hohe technische Entwicklungsstand global vernetzter Kommunikationssysteme und anderer Technologien bot eine ideale Plattform für Entwicklungen. Komplexität und Heterogenität wurden akzeptiert und bewusst genutzt, um eine umfassende Emergenz zu bewirken.

Szenario 2: Forced Harmony – Erzwungene Harmonie.

Als Reaktion auf die dramatischen Veränderungen in ihrer Umwelt haben in diesem Szenario die Menschen einen deutlichen Wertewandel vollzogen und gelernt, dass weniger mehr ist. Dieser Wertewandel geht einher mit neuen Formen der gesellschaftlichen Anerkennung, einer spürbaren Feminisierung der Gesellschaft, einem ausgeprägten Bewusstsein für Ökologie aber auch einem erheblichen sozialen Druck zur Verhaltensänderung. Das Verständnis von „Freiheit“ hat sich stark verändert und ist kaum noch mit den Merkmalen der vergangenen Jahre vergleichbar.

Szenario 3: Blue Steel – Polarisierte Welt.

Wohlstand und Stabilität der Gesellschaft existieren nur noch in hoch volatilen Wirtschaftsinseln. Durch eine weit entwickelte Technik können für diese Inseln die Schäden, die durch den Klimawandel verursacht, außen vorgehalten werden. Die Veränderungen der Arbeitswelt sind aber auch hier zu spüren. Selbst in den Wohlstandzonen der Welt ist die Arbeitslosigkeit groß. Es hat sich eine strikte Trennung zwischen Menschen, die arbeiten, bzw. Zugang zu Arbeitsplätzen haben, und denen, die nicht dauerhaft arbeiten bzw. gering qualifiziert sind, etabliert. Der Mittelstand ist verschwunden. Es gibt nur noch wenige „Winner“ und viele „Loser“. Soziale Probleme sind ungelöst und die Entwicklungsfähigkeit der Gesellschaft ist stark begrenzt. Ein starker Retro-Trend zur Restauration alter Herrschafts- und Beziehungsmodellen ist zu beobachten. Die Emanzipation der Frauen ist trotz aller damit verbundenen Konflikte weitgehend zurückgedrängt worden. Auslöser war die große Zahl von Männern, die keine Existenzbasis mehr hatten. Gleichzeitig haben zunehmend fundamentalistische Glaubensrichtungen wie der Islamismus oder ein fundamentalistisches Christentum an Einfluss gewonnen.

Die Technik wurde intensiv weiterentwickelt, ist aber zunehmend eine Technik der Elite. Das Internet als globales, freies Medium wurde durch ein paralleles System mit unterschiedlichen Nutzergruppen und Möglichkeiten ersetzt. Harte, zentralistische Technologiekonzepte werden bevorzugt, negative Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt werden auf die schwachen Regionen und sozialen Schichten abgewälzt.

Die soziale Integrationsfähigkeit ist gering und Migration durch Zuzug von Menschen aus fremden Ländern wird fast vollständig unterbunden.

Faktisch wurden die Grenzen durch ein vollständig militärisch überwachtes Schutzsystem geschlossen. Die Gesellschaft braucht Soldaten zum Schutz der Grenzen und zur Verteidigung der Rohstoffquellen und der Warentransporte.

Szenario 4: Ginger – Erzwungener Verzicht.

Der Zerfall der etablierten, gesellschaftlichen Strukturen führt im Szenario „Ginger“ zu lokal geprägten Funktionseinheiten, die auf niedrigem Wohlstands- und Stabilitätsniveau agieren. Alte sozialistische Ideologien werden wiederbelebt und führen zu einer neuen Weltordnung mit wenig Dynamik.

Im Szenario „Erzwungener Verzicht“ haben die Frauen die Macht übernommen. Das Vertrauen in die männergetriebene Welt ist verloren gegangen. Viele Menschen gehen davon aus, dass die „Alpha-Tiere“ der Vergangenheit die Menschheit in den Abgrund getrieben haben und die Werte der Männergesellschaft nicht geeignet sind, komplexe Probleme konstruktiv zu lösen. Machtansprüche von Führungspersönlichkeiten oder Experten als Vordenker und alle anderen Aspekte von Dominanz werden grundsätzlich und radikal abgelehnt.

Besondere Treiber der Entwicklung waren Knappheit, Zusammenbruch der etablierten Strukturen und Lösungswege, sowie zunehmende Zweifel daran, dass die technologische Entwicklung die Probleme der Menschen nachhaltig lösen kann.

Beschleunigt wurde die Entwicklung auch durch den „Aufstand der Mütter“, der in einigen Ländern der Dritten Welt begann, die aufgrund Misswirtschaft, Korruption und Gewalt vor dem vollständigen Kollaps standen.

Die verhärteten Strukturen mit der allgemeinen Verteidigung von Besitzständen in Europa und den USA ließen keine Veränderung zu und konnten nicht Treiber einer positiven Entwicklung sein. Strukturveränderungen, angeregt und unterstützt durch Mikrokredite und weitere Formen der dezentralen Entwicklung zeigten gute Resultate, die aber immer wieder durch „War Lords“, korrupte Politiker und Interventionen aus den Industriestaaten zur Sicherung der Rohstoffversorgung zerschlagen wurden. Am Ende wurde eine radikale Erneuerung Afrikas durch den Aufstand in Gang gesetzt, die sich auf allen Kontinenten fortpflanzte.

Die Entwicklung im Szenario „Erzwungener Verzicht“ garantiert eine sichere Lebensgrundlage auf niedrigem Niveau. Der hohe Anteil körperlicher Arbeit verhindert eine dynamische Entwicklung der Welt – der Grad an Innovationen ist gering. Der parallel stattgefundene Wertewandel basiert auf Moral und Verzicht; sofern das nicht ausreichend ist, wird auf harte Regeln und Gesetze zurückgegriffen. So wurde eine Veränderung der Ernährung in Form von Verzicht auf Fleisch durch strenge Verbote erzwungen. Ein individuelles Ressourcenbudget schreibt vor, was und wie viel jeder Mensch konsumieren darf.

Szenario 5: Instability – Zusammenbruch und völlige Unplanbarkeit.

Noch weit reichender sind die Folgen im fünften Szenario „Instability“: Die globale Klimakatastrophe ist eingetreten. Gesellschaftliche und technologische Probleme konnten nicht gelöst werden. Es herrscht globale Instabilität in allen Bereichen.

Die nationalen Regierungen sind weitgehend handlungsunfähig und neue Machtstrukturen haben sich gebildet. Die Welt wird bestimmt von Militärblöcken, „Aussteiger-Communities“, Banden, sowie allen Varianten von Glaubensgemeinschaften und Clans. Neben den regionalen, aber auch sehr unterschiedlichen Wirtschaftssystemen, ist eine Schattenwirtschaft mit ausgeprägtem Tauschhandel entstanden. Zusätzlich sind bewaffnete Konflikte weit verbreitet.

Die meisten Szenarien zeigen eine eher düstere Zukunft auf – und nun?

Heute sehen wir, dass sich alle Szenarien in einer jeweils eigenen Weise parallel entwickeln mit unterschiedlichen Ausprägungen in den verschiedenen Regionen und Gesellschaften. Auch sehen wir, dass wir mit den beschriebenen Instabilitäten zunehmend konfrontiert werden und die klare Möglichkeit existiert, dass wir auf einen Bifurkationspunkt zusteuern, d.h. einen Umkipppunkt, der für lange Zeit die grundlegende Entwicklung der Welt in negativer Weise bestimmt.

Manchmal ist es schöner, nicht durch die Entwicklungen bestätigt, sondern widerlegt zu werden. Allerdings können und wollen wir die Augen nicht vor den Tatsachen verschließen. Vier der fünf Szenarien führen in eine für alle oder einen großen Teil der Menschen eher unerfreuliche Zukunft. Dies geht bis hin zu einer weitgehenden Zerstörung der Existenzgrundlagen. Dabei können und wollen wir es aber nicht belassen.

Schließlich gibt es auch ein Szenario, das eine Alternative mit einer durchaus positiven Entwicklung aufzeigt. Der Haken daran ist, dass es schwer umzusetzen ist, weil es einen großen Bruch in den Denkmodellen und bestimmenden Handlungsmustern verlangt. Es bietet noch keine Handlungsanweisung, sondern wirft eher Fragen auf.

Warum ist Szenario 1 so schwierig umzusetzen – und warum ist Kooperative Wertschöpfung so wichtig?

Das Bild der „Vernetzten Wohlstandsgesellschaft“ ist keine Idylle, sondern verlangt uns allen einiges ab. Im Kern steht die Kooperation nicht als mögliche Aktion, sondern als notwendige und unabdingbar akzeptierte Werthaltung. Sie geht weit über die Kollaboration von Menschen und Unternehmen mit klar abgesteckten Eigeninteressen hinaus. Dies bedeutet nicht die Verneinung von eigenen Interessen. Vielmehr geht es um die Fähigkeit, die eigenen Interessen als Teil gemeinsamer Vorteile der Kooperation in teilweise sehr komplexen und übergreifenden Zusammenhängen zu erkennen. Wir müssen uns auf eine neue Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung begeben. Dabei geht es nicht, wie in der Vergangenheit, um die Entwicklung und Durchsetzung von Utopien als „Orte, die es (noch) nicht gibt“. Sondern es geht um die Transformation der Lebenswelten durch die intellektuelle, mentale und konkrete Fähigkeit der Zusammenarbeit.

Wie aber können wir hier unseren Reduktionismus überwinden – die Neigung zur Vereinfachung komplexer Zusammenhänge, die so viele Utopien als totalitäre Albträume scheitern ließen? Wie können wir die Bedeutung von Modellen erkennen, die über unseren eigenen Erfahrungshorizont hinausreichen? Wie können wir mit komplexen Zielsystemen umgehen lernen? Was können wir tun, um als Teil und mithilfe von Ökosystemen Kooperative Wertschöpfung zu erzielen? Und was ist Kooperative Wertschöpfung überhaupt?

Wenn wir Kooperation als zentralen Wert von klassischer Kollaboration abgrenzen, werden die Grenzen und Hürden deutlich. Zwar ist Kooperation eine grundlegende Fähigkeit der Menschen und ist Voraussetzung für die Existenz einer Gesellschaft. Dennoch sprengt die „Kooperative Wertschöpfung“ im Rahmen von Unternehmen und betriebswirtschaftlich relevanten Leistungen sowie in Organisationen und Gesellschaften die Dimensionen des bislang gekannten. So gehört es zu den Herausforderungen, dass die Teilnehmer Fähigkeit zur Co-Evolution entwickeln. Der klassische Wettbewerb mit seinen Verdrängungsmechanismen muss zu einer Zusammenarbeit über die Grenzen von Ressorts, Unternehmen, Branchen, gesellschaftlichen Interessengruppen, Regionen und Nationen hinweg. Sehr komplexe Zusammenhänge müssen als für die eigenen Belange relevant erkannt werden. Dies wiederum rückt den Erwerb neuartiger Kommunikationswege und –möglichkeiten mit in den Vordergrund. Auch gilt es, „versklavende Kooperationen“ zu vermeiden und die gemeinsame Wertschöpfung in einen verstandenen und akzeptierten Sinnzusammenhang zu stellen. Dies sind aber nur einige der vielen Herausforderungen, die sich stellen, wenn wir das Ziel des Szenarios 1 erreichen wollen. Vieles Chancen und Risiken werden sich erst auf dem Weg in eine solche Gesellschaft offenbaren. Dennoch lohnt es sich, diesen Weg zu verfolgen, wenn die vollständige Verwirklichung der negativen Zukunftsbilder in einem großen, globalen Ausmaß verhindert werden soll.

2 Kommentare
  1. Eckard Foltin sagte:

    Als aktiver Teilnehmer an den Zukunftsstudien kann ich das nur bestätigen. Meine Beobachtungen decken sich definitiv mit den beschriebenen Effekten. Umso mehr frage ich mich, wieso es uns nicht gelingt, so daraus zu lernen, um langfristig die geeigneten Weichen zu stellen, damit gewünschte Szenarien eher eintreffen.
    Leider muss man dafür extra Meilen gehen und sich aus der Komfortzone bewegen …

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