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Navigating Complexity – Wohin geht die Reise? Teil 1

Die folgende Serie befasst sich mit der Frage: „Wie können wir in der VUCA-Welt nachhaltig erfolgreich sein?“ Es geht um Orientierung in einem Umfeld, das zunehmend von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität geprägt ist. Die Artikelreihe basiert auf einem Hauptvortrag, der am 20. Februar 2018 auf der VDI-Jahrestagung Spritzgiessen in Baden-Baden gehalten wurde.

Von Dr. Friedhelm Böttcher und Dr. Karl-Michael Schumann

Was bedeutet VUCA? Eine kurzer Überblick vorab

Wir leben in einer „VUCA-World“ – ein Begriff, der vor einigen Jahren von Strategen des amerikanischen Militärs geprägt wurde. VUCA steht für „Volatility“, „Uncertainty“, „Complexity“ und „Ambiguity“. Die Digitalisierung ist die dabei wichtigste treibende Kraft. Um in der VUCA – World nachhaltig erfolgreich zu sein, reichen Effizienz und organisches Wachstum als bestimmende Erfolgsfaktoren nicht mehr aus. Vielmehr benötigen Unternehmen neue Strategien und Vorgehensmodelle, innovative Navigationssysteme, agile Strukturen und neue Formen der Kooperation in Business-Ökosystemen.

Eine neue Dynamik von Veränderungen

Die Veränderungsprozesse in der VUCA-Welt unterscheiden sich in Ihrem CHARAKTER signifikant von früheren Veränderungen. Sie sind schneller, dynamischer, widersprüchlicher und haben dramatischere Auswirkungen. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Die Globalisierung muss hier sicher an erster Stelle genannt werden. Von größerer Bedeutung ist aber die Digitalisierung, die die Geschwindigkeit der Wissensgenerierung dramatisch steigert und Informations- bzw. Wissensflüsse eng verknüpft. Sie ist Treiber und Ausdruck einer Transformation, Dynamisierung und Potenzierung, die in einem bislang nicht bekannten Ausmaß alle Bereiche des Lebens verändert [1]:

  • Totale und globale Vernetzung. Nahezu alle Gegenstände der realen Welt werden als Teil eines umfassenden Informa­tions- und Kommunikationssystems in einer realen und virtuellen Welt verschmolzen sein. Die Interaktion der Komponenten ist nicht mehr Teil einer festen Umgebung bzw. Anwendung, sondern auf einen spontanen Zusammenschluss von Netzwerken ausgelegt. Im Zentrum der Kommunikation zwischen Gerät und Anwendung steht die allgegenwärtige Verfügbarkeit der Dienste und nicht das Gerät selbst.
  • Künstliche Intelligenz. „Künstliche Intelligenz [wird]… ebenso wie Elektrizität vor 100 Jahren allgegenwärtig sein. Sie ist eingebettet in alle Dinge, die uns umgeben und wird die Art, wie diese Dinge funktionieren [und wie wir mit ihnen interagieren], vollständig verändern“. Dabei gibt es viele Formen von Intelligenz, die in ihrer Gesamtheit vollkommen neue Potenziale und Möglichkeiten eröffnen, aber auch das Auftreten von Disruptionen stark beschleunigen werden [2]. Intelligente, agile Maschinen in Form von autonomen, selbstorganisierenden humanoiden Robotern, Drohnen oder autonome Transportsysteme werden die Effizienz, Flexibilität, Robustheit und Transformationsfähigkeit der industriellen Produktion nachhaltig verbessern, aber auch sehr bald in vielen anderen Lebens- und Arbeitsbereichen zum Einsatz kommen [3,4].
  • Neue Realitäten, Neue Formen von Präsenz und Interaktionen auf der Basis von Virtual und Augmented Reality eröffnen neue Erfahrungs- und Erlebniswelten, die mit der Überlappung von verschiedenen Realitäten einhergehen. Die Frage, was Realität ausmacht und wie Menschen ihr Weltbild konstruieren, wird dabei immer mehr in den Vordergrund gerückt. Die Diskussion über „Fake News“ muss in diesem Kontext als erstes schwaches Signal interpretiert werden. Schon heute oder in naher Zukunft kann der Anwender u.a.: mit Microsofts HoloLens über eine Brille mit durchsichtigem Display Objekte direkt in der Umgebung virtuell einblenden und so z.B. die Ergonomie von Armaturen testen; mit Googles Tango über eine App Möbel virtuell in einen realen Raum einpassen und Ensembles gleich online bestellen, via Apples AR-Kit über eine Kamera, wie sie bereits jetzt in den iPhones verfügbar ist, 3D-Abbilder der Umgebung erstellen, um freie Flächen auf dem Boden und auf Tischen zu erkennen und dort digitale Objekte zu platzieren.
  • Teilen und Teilhabe. Viele der neuen, erfolgreichen Geschäftsideen wie Uber und AirBnB bieten primär einen Zugriff auf eine Leistung an, bei dem es um Nutzung von Funktionen im Bedarfsfall und nicht um den Besitz von Dingen geht [5]. Beim dieser als „Sharing“ bezeichneten Entwicklung geht es aber um mehr. Shariing ermöglicht und fördert Austausch und Kooperation, was neue Potenziale generiert. Es umfasst Dinge, Ideen, Emotionen, Geld, Zeit, Wohlergehen – und alles, was privat und geschäftlich geteilt werden kann.

Während die Automatisierung (in Zukunft verstärkt durch künstliche Intelligenz / KI) Menschen aus vielen Arbeitsprozessen ausschließt, nehmen das Bedürfnis und die Möglichkeit persönlicher Kreativität und Gestaltung des persönlichen Umfelds über Teilen und Teilhabe zu [6]. Dabei sind verschiedene Ausprägungen  zu erkennen, wie beispielsweise

  • Das Bedürfnis, Restriktionen in High-Tech-Produkten zu überwinden. Anwender greifen dabei in die Entwicklungsprozesse ein, bzw. werden als Prosumer Teil derselben.
  • Das Entstehen von digitalen Währungen außerhalb tradierter Ökonomien.
  • Unabhängigkeit bei der Produktion von Nahrungsmitteln (Urban-Gardening-Movement).
  • Unabhängigkeit bei der Energieversorgung durch die Nutzung regenerativer Energien.

Es liegt nahe, dass diejenigen Unternehmen in Zukunft am erfolgreichsten sein werden, die Prozesse des „Sharings“ im weiten Sinn unterstützen, vereinfachen und erweitern [7].

  • Aufmerksamkeit richten. In einer Welt, in der jedes Jahr 8 Millionen neue Lieder, 2 Millionen neue Bücher, 16.000 neue Filme, 30 Millionen Blog Posts, 182 Milliarden Tweets und 400.000 neue Produkte in die Welt kommen, ist Aufmerksamkeit eine zunehmend rare Ressource [8]. Menschen müssen, mehr denn je, eine Auswahl treffen und in der unendlichen Wissenswelt eine eigene Insel mit persönlichen Kompetenzen, Erfahrungen, Interessen und Interpretationen schaffen. Erst im Austausch mit anderen kann dies gelingen, u.a. durch Bewertungen und Kommentare im Netz. Sie geben Orientierung und schaffen Vertrauen als Basis für das eigene Urteil und Handeln. Die zentrale Frage für Unternehmen lautet also: wie wählen die Kunden aus, wie entscheiden sie und wie gelingt es, die Aufmerksamkeit auf das eigene Angebote zu lenken?
  • Unmögliches und Unerwartetes. Die Digitalisierung verschiebt Grenzen und schafft neue Erfahrungsräume, was dazu führt, dass die Bedeutung von „Unmöglich“ immer relativer wird. So werden heute in „Moonshot-Projects“ Herausforderungen in Angriff genommen, mit denen scheinbar vorhandene Limitationen radikal aufgebrochen werden sollen. Beispiele sind Space X, Hyperloop, selbstfahrende Autos oder der Aufbau von dauerhaft bewohnten Siedlungen auf dem Mars. In seinem Buch „The Inevitable – Understanding The 12 Technological Forces That Will Shape Our Future“ fasst Kevin Kelly, Mitbegründer des Wired Magazine, dies mit der Aufforderung zusammen, dass wir nicht „unmöglich“ sagen sollen, sondern „Let’s see“ [9].

Wir leben gerade in einer Welt, die sich stärker wandelt als dies jemals zuvor vorhersehbar gewesen wäre. Was nun? Was müssen wir tun? Wie geht es weiter? Reicht uns ein „Let’s see“? In dem nächsten Beitrag dieser Serie (nächste Woche auf www.futurebizz.de) geht es uns darum, eine (durchaus auch kontroverse) Diskussion über die möglichen Konsequenzen für unser Handeln zu entfachen. Wir freuen uns auf Ihre Anregungen. Bleiben Sie dran.

Bildnachweis: istock.com/ cybrain

Quellenverzeichnis

[1]     Kelly,K (2016).: „The Inevitable: Understanding the 12 Technological Forces That Will Shape Our Future“, Penguin, New York 2016

[2]     Siehe Kelly (2016), S.42-50

[3]     Frost&Sullivan:”Top Technologies in Advanced Manufacturing and Automation (Technical Insights)”, D676-TI, May 2015

[4]     Frost&Sullivan:”Top Technologies in Sensors & Control (Technical Insights)”, D675-TI, May 2015

[5]    Siehe Kelly (2016), S.146ff

[6]     https://www.zukunftsinstitut.de/index.php?id=2015&utm_source=Zuk

[7]    Siehe Kelly (2016), S.136

[8]    Siehe Kelly (2016), S. 165f

[9]  Siehe Kelly (2016), S. 269ff