Navigating Complexity, Teil II

Der Wandel ist unabwendbar – Was müssen wir tun?

Im letzten Beitrag [1] haben wir uns mit der Frage befasst, wie der grundlegende Wandel unsere Arbeits- und Lebenswelten aussehen könnte. Heute stellen wir die Frage, was wir angesichts des bereits stattfindenden unabwendbaren Wandels tun können. Dabei wird es um Navigation gehen, die uns helfen, unsere Position zu bestimmen, Ziele zu identifizieren und handelnd einzugreifen, bzw. den Wandel mitzugestalten.

Von Dr. Friedhelm Böttcher und Dr. Karl-Michael Schumann

Der Autor und Gründer des Wired Magazins Kevin Kelly hält den durch die Digitalisierung eingeleiteten Wandel für unvermeidbar: „We can or should attempt to prohibit some of results or manifestations the technological shift, but the technologies are not going away. Change is inevitable. We now appreciate that everything is mutable and undergoing change, even though much of this alteration is imperceptible“[2].

Auch wenn die Digitalisierung unvermeidbar ist, bietet sie großen Raum für neue Ideen und Gestaltung mit enormen Chancen. Wie können diese Chancen aber in einer Welt genutzt werden, die sich so schnell verändert, dass unsere Fähigkeit, neue Dinge aufzunehmen nicht mehr ausreicht und wir permanent mit Dingen konfrontiert zu werden, bei denen es erst nach vielen Jahren gelingt, einen gesellschaftlichen Konsens über die Einsatzmöglichkeiten und Wirkungen herbeizuführen? Wie orientieren wir uns in einer Dynamik, in der wir uns, unabhängig von Alter und Erfahrung, endlos als Anfänger („Newbies“) erfahren, in der stetes „Werden (Becoming)“ der Normalzustand ist?

Viele Unternehmen betreiben enorme Anstrengungen, um die digitale Transformation und ihre Prozesse in der VUCA-Welt zu bewältigen. Dabei zeigt sich, dass die einfache Steigerung von Effizienz und organischem Wachstum nicht mehr ausreicht [3]. Vielmehr müssen immer wieder durch neue Strategien und Vorgehensmodelle entwickelt werden, um die Handlungsfähigkeit und den langfristigen Erfolg zu sichern.

Navigationssysteme bereitstellen

In der „VUCA-World“ wird es für Führungskräfte und Unternehmen zunehmend schwierig, externe und interne Einflussfaktoren zu kontrollieren, Sicherheit von strategischen und operativen Entscheidungsprozessen zu garantieren und die erforderlichen Ressourcen, Kompetenzen und Fähigkeiten bereitzustellen. Viele Entwicklungen sind nicht mehr vorhersehbar, wichtige Informationen fehlen und können auch nicht beschafft werden. Auch in der Vergangenheit wurden Unternehmen und Führungskräfte immer wieder damit konfrontiert, dass hergebrachte Weltbilder und Modelle nicht mehr funktionieren. Solche Veränderungen zu erwarten und mit ihnen umzugehen, haben wir gelernt. Nicht jedoch mit der Komplexität und Dynamik, mit der wir heute konfrontiert werden. Um dennoch handlungsfähig zu bleiben, benötigen wir neue Instrumente und vor allem Navigationssysteme, die helfen

  • die Position zu bestimmen und Bezugspunkte zu finden,
  • Handlungsfelder und Ziele zu identifizieren,
  • zu agieren und steuernd einzugreifen.

Zusammenstellungen von Kennzahlen wie Umsatz, Kosten oder Marktdaten bilden sicher die Grundlage eines Navigationssystems. Für das Navigieren in der VUCA-World ist aber eine deutlich weitergehende Transparenz notwendig, die u.a. …

  • über die INNOVATIONSLÜCKE („Innovation Gap“) [4] anzeigt, welche Anstrengungen im Innovationsbereich unternommen werden müssen, um auch langfristig erfolgreich zu sein. Sie gibt Orientierung, weil sie (a) eine plausible und konsistente Erklärung verlangt, wie die Wachstumslücke gefüllt werden soll und (b) eine enge Verknüpfung der Innovationsprojekte mit der Unternehmensstrategie und der Innovationsstrategie sicherstellt.
  • Informationen zum erwarteten Umsatzbeitrag und zur Erfolgswahrscheinlichkeit der laufenden Projekte und der in den Projekten gebundenen Ressourcen gibt. Hierdurch wird überprüft, ob die richtigen Maßnahmen getroffen wurden und wie große die Möglichkeiten für ein weitergehendes Handeln bestehen.
  • dafür sorgt, dass Signale erkannt werden, die auf einen unmittelbaren oder zukünftigen Entscheidungsbedarf hinweisen. Dabei sind vor allem die schwachen Signale wichtig, die früh Abweichungen von einem erwarteten Verhaltensmuster anzeigen und so eine Chance auf rechtzeitiges Handeln geben.

In Anbetracht der Dynamik der Veränderungen kann es nicht darum gehen, genaue Prognosen abzugeben. Es muss vielmehr darum gehen, Klippen zu umschiffen und den eigenen Platz, den Gestaltungsraum in der VUCA-Welt zu finden. Nächste Woche werden wir hier auf www.futurebizz.de Navigationsinstrumente vorstellen. Bis dahin freuen wir uns über Ihr Feedback und Ihre Anregungen zu dem Thema.

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Quellenverzeichnis

[1] Die Artikelreihe basiert auf einem Hauptvortrag, der am 20. Februar 2018 auf der VDI-Jahrestagung Spritzgiessen in Baden-Baden gehalten wurde.

[2]     s. Kelly (2016), „The Inevitable: Understanding the 12 Technological Forces That Will Shape Our Future“, Penguin, New York 2016, S. 2ff

[3]     Keeley, L.: “Ten Types of Innovation“, Wiley, New Jersey, 2013

[4] Die Innovationslücke ist als Differenz zwischen der realistischen Umsatzprognose für die nächsten Jahre und dem angestrebten Wachstumsziel definiert.